"Campus-Legenden" mit Dr. Carsten Brosda

Shownotes

Dr. Carsten Brosda, Senator und Präses der Behörde für Kultur und Medien der Freien und Hansestadt Hamburg, wuchs in Gelsenkirchen auf und begann früh, journalistisch aktiv zu werden. Nach dem Abitur studierte er Journalistik und Politikwissenschaft in Dortmund, bevor ihn Stationen im Bundeskanzleramt und in der Kulturbehörde nach Hamburg führten. Im Gespräch mit Universitätspräsident Dr. Hauke Heekeren erzählt er, wie seine journalistischen Anfänge und politischen Erfahrungen seinen heutigen Blick auf Kultur und Wissenschaft geprägt haben, warum künstlerische Arbeit für ihn immer auch gesellschaftliche Verantwortung bedeutet und wie Zuversicht und die Vorstellungskraft, dass Dinge veränderbar sind, ihn in seinem Handeln leiten.

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00:00:05: Geboren am dritten Oktober, in Gelsenkirchen, verheiratet und Vater von zwei Kindern.

00:00:12: Als Austauschschüler in Texas kam er erstmals mit dem Journalismus in Berührung und studierte später Journalistik und Politikwissenschaften an der Universität Dortmund.

00:00:21: Nach Stationen als Pressereferent, Redenschreiber und Abteilungsleiter in Parteien und Bundesministerien übernahm er das Amt des Senators und Präses der Behörde für Kultur und Medien in Hamburg.

00:00:34: Heute ist er zu Gast bei Universitätspräsident Dr.

00:00:37: Hauke Hekerin, Designator für Kultur und Medien.

00:00:51: Herzlich willkommen zu einer neuen Folge von Campus-Legenden.

00:00:55: Mein Name ist Hauke Hekerin.

00:00:57: Ich bin Präsident der Universität Hamburg.

00:00:59: Und ich freue mich, Sie und euch alle zu einer weiteren spannenden Ausgabe begrüßen zu dürfen.

00:01:05: Mein heutiger Gast ist Karsten Broster.

00:01:08: Senator und Präses der Behörde für Kultur und Medien der Freien und Hansestadt Hamburg.

00:01:13: Er hat Journalistik und Politikwissenschaft in Dortmund studiert, über politische Kommunikation promoviert und war in verschiedenen journalistischen, wissenschaftlichen und politischen Funktionen tätig.

00:01:25: Unter anderem im Bundesarbeitsministerium und im Bundeskanzleramt, bevor er zwei Tausendsebzehn Senator wurde hier in Hamburg.

00:01:33: Mit ihm möchte ich heute darüber sprechen, wie seine journalistischen und wissenschaftlichen Anfänge, sein heutiges politisches Denken geprägt haben, welche Ideen und Begegnungen ihn auf seinem Weg begleitet haben und welche Erinnerungen an seine Studienzeit bis heute nachwirken.

00:01:51: Schön, dass du heute da bist, lieber Karsten.

00:01:53: Schön, dass ich hier sein darf.

00:01:55: Hol es doch mal ab, du hast...

00:02:05: Ja, ich wusste schon ziemlich genau, was ich studieren will, weil ich zu dem Zeitpunkt schon die ganze Oberstufe hindurch eigentlich bei der Lokalzeitung gearbeitet habe in Gelsenkirchen.

00:02:14: Und da am Wochenende dann das übliche, was man so als freier Mitarbeiter macht, auch gemacht hat.

00:02:18: Und ich wusste in Dortmund gibt es einen Journalistikstudiengang, den wollte ich machen.

00:02:21: Und als dann klar war, dass das Abi das auch zugelassen hat, bin ich dann erst mal in Zivildienst gegangen und habe dann fünfzehn Monate mobil und sozialen Hilfsdienst gemacht.

00:02:30: Mir war aber schon klar, danach will ich nach Dortmund in die verbotene Stadt und dann da anfangen, Journalistik zu studieren.

00:02:35: Ursprünglich eigentlich gar nicht Politikwissenschaft daneben, sondern Wirtschaftswissenschaften.

00:02:40: Aber dann habe ich den Seminarraum nicht gefunden und bin dann bei Politik gelandet.

00:02:45: Okay, und du hast jetzt gerade schon selbst gesagt, von Gelsenkirchen aus betrachte Dortmund die verbotene Stadt.

00:02:50: Wie aufgeladen war das tatsächlich, kulturell?

00:02:54: Na, ich bin in Gelsenkirchen-Wohnen geblieben und bin, das geht ja im Ruhrgebiet, da pendelt man irgendwie zwanzig Minuten mit der S-Bahn und das war dann auch machbar.

00:03:02: Das ging.

00:03:02: Schwierig war, dass der Raum im ersten Stock des Gebäudes an der EMIFI-Gestraße, wo die Journalistik ging, wo wir Seminare hatten, tatsächlich einen ungetrübten, ungestörten Blick im Sommer wie im Winter aufs damals noch Westfalenstadion, heißende Stadion, das BVB hatte.

00:03:17: Da habe ich dann versucht, mich immer mit dem Rücken zum Fenster zu setzen.

00:03:20: Dann konnte ich mich auch konzentrieren.

00:03:22: Okay, das heißt, du bist dann fußballmäßig erwartbar positioniert?

00:03:27: Ich bin fußballmäßig so positioniert, wie sich das gehört, wenn man in Gelsenkirchen Schalker aufwächst, dann kriegt man es mit der Muttermilche eingesogen.

00:03:33: Aber natürlich war das Studium auch so eine Schule gelebter tätiger Toleranz.

00:03:37: Also es ging sogar so weit, dass wir irgendwann mal in einem Seminarprojekt im Hauptstudium, eine Stadionszeitung für Borussia Dortmund gemacht haben, die wir dann vom Heimspiel gegen Hansa Rostock damals dann noch irgendwie verteilt haben am Stadion, das habe ich auch mitgemacht sogar, also vielleicht bin ich durchaus in der Lage auch.

00:03:55: Vorurteile hinten anzustellen und dann mal ganz tolerant zu sein.

00:03:58: Hast

00:03:58: du da irgendwas Subversives reingeschmuggelt?

00:04:00: Das würde ich niemals verraten.

00:04:04: Das ist natürlich so ein nickliger Punkt hier.

00:04:07: Wir wollen nicht zum Fußball-Podcast werden.

00:04:09: Es ist vermutlich manchen bekannt, dass ich tatsächlich härter Mitglied bin.

00:04:13: Aber da ich ja tolerant bin und Mitleid habe, lassen wir das mal liegen.

00:04:19: Gut, gucken.

00:04:21: Dann vielleicht doch noch mal zu diesem Thema Studienwahl.

00:04:24: Du hast gerade schon so gesagt, das war für dich so klar schon in der Oberstufe.

00:04:28: Wie war das bei dir von zu Hause aus?

00:04:30: War das irgendwie klar, dass es auch die Erwartung an dich ist?

00:04:33: Du studierst oder wie wurde das begleitet?

00:04:36: Nee,

00:04:36: das gar nicht unbedingt.

00:04:38: Mein Vater hatte auf dem zweiten Bildungsweg, der hat Volksschule gemacht, hat dann Industriekaufmann gelernt und hinterher am Abendgebnis Abbie nachgemacht und ist dann Berufsschullehrer am Ende des Tages gewonnen, hat Industriekaufleute ausgebildet.

00:04:50: war der erste, der überhaupt ein Uniabschluss hat.

00:04:52: Und ich war der erste in der Familie, der quasi auf direktem Weg durch die Instanzen durch, ohne die Umwegeabendgymnasium und sowas, dann bei uns in der Familie auch an der Uni gelandet ist.

00:05:02: Mich hat damals dazu eigentlich gebracht, dass Austausche haben.

00:05:05: Also ich war über die erste Klasse in den USA in Texas und habe da an der High School eine Journalism Class belegt.

00:05:12: Und was ich total spannend fand, war diese Da ja schon sehr über Jahrzehnte gelebte These, man kann Journalismus lernen.

00:05:19: In Deutschland gibt es ja immer noch diese Vermutung, das ist eine Berufung, das ist eine Begabung, dazu muss man geboren sein.

00:05:24: Wenn die Amerikaner deutlich pragmatischer der Meinung waren, das ist eigentlich ein Handwerk, das geht schon.

00:05:28: Wenn du das machen willst, dann bringt man dir das Notwendige dazu bei und das kann man auch akademisch gestützt machen.

00:05:34: Und das fand ich total spannend und habe dann, als ich wiedergekommen bin, damit mich befasst, wie ginge das eigentlich in Deutschland?

00:05:38: Wo kann man das machen?

00:05:39: Hab dann festgestellt, hey, es gibt ja gerade mal irgendwie ein paar Städte weiter.

00:05:43: Eigentlich das Institut in Westdeutschland, an dem du das so gut machen kannst wie nirgendwo sonst, ja auch verbunden mit dem Voluntariat, das damals fest eingebundener ein jahres Praxisbestand im Studium war, das heißt bis zwei Jahre.

00:05:54: Hast du ein vordiplomender Grundstudium gemacht, dann bist du ein Jahr ins Volontariat gegangen, das habe ich bei der Westdeutschen Allgemeinen gemacht und dann nochmal vier Semester Reflexionsfaser, Hauptstudium bis zum Diplom.

00:06:04: Das fand ich super.

00:06:05: Also sozusagen einerseits akademisch, volluniversitär, andererseits aber mit einem Praxisbezug.

00:06:10: Dann gesagt hat, das will ich machen.

00:06:12: Spierigkeit ist dann dieser wahnsinnige NC, den die hatten.

00:06:15: Weil die keine Aufnahmeprüfung gemacht haben, sondern gesagt haben sie neben von oben weg, die mit dem besten Abi.

00:06:19: Und das hat dann absurde NC-Vorgaben mit sich gebracht.

00:06:22: Das ist immer nicht so ganz klar, weil klappt das oder klappt das

00:06:25: nicht.

00:06:25: Wo lag der damit?

00:06:27: In der Regel bei eins, null.

00:06:28: Ah, okay,

00:06:29: gut.

00:06:30: Also hast du so ein gutes Abi gemacht.

00:06:31: Wo ich aber Gelsenkirchen.

00:06:32: Ja,

00:06:33: okay.

00:06:33: NRW-Abby, ne?

00:06:34: Ja, genau, richtig.

00:06:35: Ja, ich auch.

00:06:35: Ich

00:06:37: glaub, du fragst hinterher keiner mehr nach, das ist alles gut.

00:06:40: Genau, ist so.

00:06:42: Gibt's, wenn du jetzt eine Studium zurückdenkst, gibt's irgendwie einen Moment, an dem dich besonders ganz zurückgegangen hast?

00:06:48: Viele, ehrlicherweise, weil das spannende schon war, dass wir eine irrsinnigen Luxus hatten, den sich heute wahrscheinlich kaum noch einer vorstellen kann.

00:06:55: Also wir waren sechzig Studierende pro und immer nur im Wintersemester und hatten sieben Lehrstühle.

00:07:03: Und das war ein Studium, da waren Soziologen dabei, da waren Historiker dabei, da waren Ökonomen dabei, wir hatten mehrere Kommunikationswissenschaften.

00:07:08: Das heißt, man hatte wirklich so ein kleines Studium-Generale in einem sehr familiären Verhältnis und das an einer großen Universität.

00:07:14: Das war eigentlich ein Traum, wenn man es mal ehrlich nimmt.

00:07:16: Das hat wahnsinnig Spaß gemacht.

00:07:18: Und da gab es ganz viel sehr praktisches und sehr tolles Arbeit, das ich erinnere an ein Seminar, das wir gemacht haben.

00:07:24: Da ist irgendwann Hans Pörsch gekommen.

00:07:26: Das war der Theoretiker der DDR-Journalistik aus Leipzig, vom Roten Kloster.

00:07:31: Und wir haben, glaube ich, zu fünft mit dem im Seminar gesessen und haben über die Frage, wie ist eigentlich damals in der DDR-Journalismus gelehrt worden und was ist das Problem sonst auch aus der Demokratiesicht?

00:07:42: Ein unfassbar intensives Seminar gemacht, weil der anderenseits theoretisch beschlagen war wie nur irgendwas und gleichzeitig aber extrem reflektiert über das, woran er davor her mitgewirkt hat.

00:07:51: Für solche Momente bin ich einfach wahnsinnig dankbar.

00:07:54: Und dann gab es die ganzen Kulturclash, die man so hatte, weil wir als Journalisten an einer ehemaligen pädagogischen Hochschule untergebracht waren.

00:08:01: Das heißt, diese sechzig Journalisten, Studierenden pro Wintersemester, waren umgeben von zigtausenden Lehramtsstudenten.

00:08:10: Und das führte schon zu dem einen oder anderen Clash, wenn man angefangen hat, über Medien zu reden, weil es doch sehr unterschiedliche Blickwinkel auf das, was Medien können und was sie nicht können, gehabt hat.

00:08:17: Das war dann, wenn man gemeinsam Seminaren immer Interessant, sagen

00:08:21: wir mal.

00:08:21: Klingt nach Diskursfreude.

00:08:24: Und jetzt so jenseits von Seminar und Vorlesung.

00:08:28: Wir müssen uns Carsten Broster im Studium vorstellen.

00:08:30: Also, wie sah das Sozialleben aus?

00:08:33: Hast du irgendwelche komischen Jobs gemacht?

00:08:36: Ich habe überwiegend weiter für die Zeitung gearbeitet.

00:08:39: Das war schon der Hauptteil.

00:08:40: Ich habe nebenbei noch mal eine Zeit lang in der Layout-Agentur gearbeitet.

00:08:45: Ich habe die Nullnummer der Tatsuro mit der, die sich damals beworben haben, um die Genossenschaft im Berliner von zu überzeugenden Lokalausgaburo machen.

00:08:52: Das habe ich gelayoutet.

00:08:54: Ich habe eine Zeit lang noch in der Zeitung und Schule Projekte gemacht, in einem Medienberatungsbüro, das einer meiner Professoren hatte.

00:09:03: Ich glaube, all das gemacht, was man so im Studio macht, ganz viele Unsinn und so sagen, ganz viele Dinge ausprobieren.

00:09:10: Und was war so das Wildeste?

00:09:12: Genau, ich bin jetzt den NATO der Freien und Hansestadt Hamburg und irgendwann mal nach dem Abend reden wir auch darüber.

00:09:19: Das ist gut, klingt geheimnisvoll.

00:09:22: Dann würde mich noch ein bisschen genau, hast du noch, du hast es so schön beschrieben, dass das eine eher kleine eingeschworene Gruppe war.

00:09:27: Gibt es noch Kontakt zu Kommentoren?

00:09:29: in Kommentoren von David?

00:09:30: Ja,

00:09:30: gibt noch Kontakt, auch wenn mir einige tatsächlich ein bisschen böse sind, dass ich aus ihrer Sicht dann nach dem Studium vom rechten Weg abgekommen bin und eben nicht in den Journalismus gegangen bin.

00:09:39: sondern dann irgendwann in der Politik gelandet bin.

00:09:41: Aber es gibt noch zu einigen tatsächlich Kontakt.

00:09:43: Das ist auch immer noch eine sehr schöne, sozusagen sehr schöne Gemeinschaft.

00:09:46: Und dann, du hast ja dann promoviert.

00:09:49: Erzähl uns doch vielleicht mal, wie es dazu gekommen ist.

00:09:52: Nein, dazu gekommen ist es, ehrlicherweise schon, war es im ersten Semester rückblickend vorgezeichnet auf, wenn ich das damals noch nicht wusste, weil ich im ersten Semester in der Politikwissenschaft im Seminar war und da ging es um Öffentlichkeitstheorien.

00:10:06: Und der Prof atme mir, das Seminar auf erlegt, den Strukturwandel der Öffentlichkeit von Habermas darzustellen.

00:10:12: Dann habe ich das Ding gelesen im ersten Semester.

00:10:14: Ich glaube, ich habe nicht alles verstanden.

00:10:15: Dann habe ich aber gedacht, okay, jetzt habe ich das schon gelesen.

00:10:17: Jetzt will ich diesen Effort wenigstens nutzen und danach noch die erste Hausarbeit in der Journalistik, auch mit diesem Wissen.

00:10:22: abzuarbeiten und wollte dann eine Arbeit schreiben über den Strukturwandel durch die Digitalisierung von Kommunikation.

00:10:28: Das fing ja damals mit der Neunzigerjahre an.

00:10:29: Da hieß das noch Informations- und Kommunikationstechnologin IUK abgekürzt.

00:10:34: Hast du an der Uni gemacht?

00:10:35: Genau, und darauf wollte ich dann schreiben.

00:10:38: Viel Spaß.

00:10:39: Und darüber wollte ich dann schreiben.

00:10:40: und dann haben wir gesagt, ist die Profa der Meinung, ja können sie gerne machen, aber dann müssen sie auch die Theorie des kommunikativen Handelns lesen.

00:10:48: Okay, das ist das Nummer tausend zweihundert Seiten war, habe ich dann nach diesem Gespräch rausgefunden.

00:10:52: Aber damit war so eine tatsächlich eine Grundlage gelegt von theoretischem Denken in dieser Kommunikationstheoretisch begründeten Soziologie von Habermars.

00:11:00: Und umgeben war ich damals im Fach von ausschließlich Systemtheoretikern und Konstruktivisten, die alle der Meinung war, es gibt kein Subjekt, das sind alle sozusagen systemische Zusammenhänge.

00:11:09: Und ich fand das immer total um plausibel.

00:11:11: in einem Fach, das für sich den Anspruch hat, eigentlich praktisch Menschen auf eine praktische Aufgabe wissenschaftlich auszuarbeiten, trotzdem system theoretisch konfiguriiert, sagen, da reinzugehen.

00:11:21: Und hab gesagt, eigentlich muss man dieses Fach und den Journalismus doch auch handlungstheoretisch, kommunikationstheoretisch fassen und beschreiben können.

00:11:27: Und dann gesagt, das will ich mal, mal gucken, ob man mit den Methodiken und mit den Begrifflichkeiten der Habermarschentheorie Journalismus beschreiben kann.

00:11:36: Das war eigentlich das sozusagen Projekt dieser Arbeit.

00:11:38: Und dann wollte ich das aber nicht an der Uni machen.

00:11:41: Und ich wollte es aber auch nicht in einer Redaktion tagsüber arbeiten, abends machen, weil ich keine Lust hatte, darüber zu frehen zu werden, dass ich abends reflektiere, was tagsüber alles schiefläuft.

00:11:51: Und so habe ich dann gedacht, super, dann gehe ich mal einen Schritt zur Seite und komme später zurück.

00:11:56: Das war sicherlich der erste biographische Fehler, weil das später zurückkommen ist, wenn du einmal in der Politik warst, nicht denkbar.

00:12:01: Aber so habe ich dann sieben Jahre lang berufsbegleitend diese Arbeit geschrieben.

00:12:04: Ein Buch, das von alleine steht.

00:12:06: Zumindest, was die Dicke angeht.

00:12:08: Ja, sehr schön.

00:12:09: Du hast das gerade schon mal angedeutet, dass es da einen gewissen Rollentausch gab.

00:12:13: Also du hast über diskursiven Journalismus promoviert, also über die Rolle des kritischen Beobachters.

00:12:19: Und heute bist du ja der, der beobachtet wird.

00:12:23: Wie fühlt sich jetzt dieser Rollentausch an?

00:12:25: Gab es einen Moment, wo du dachtest, jetzt bin ich wirklich auf der anderen Seite?

00:12:32: eigentlich so richtig erst, als ich Senator geworden bin und das ja schon eine Zeit lang, wo ich über ein Jahrzehnt noch viel länger politisch gearbeitet habe, weil ich vorher ja die ganze Zeit eigentlich seit zweitausend in politischen Beratungskontexten, in Pressestellen, als Redenschreiber und sozusagen in der Kommunikationsstrategie gearbeitet habe.

00:12:50: Da ging es aber immer noch so aus der, aus der Halbdistanz beratend unterwegs zu sein, wenn man dann das erste Mal tatsächlich da sitzt und überein selbst geschrieben wird.

00:12:59: Dann denkt man auf immer so, wow, hat man das damals auch so gemacht.

00:13:03: Da fängt es schon an, ein bisschen kritisch zu werden.

00:13:06: Man bekommt aber gleichzeitig auch noch mal ein anderes Bewusstsein dafür.

00:13:11: wie das eigene journalistische Wirken früher auf andere gewirkt hat und hat auch jetzt ein Verständnis dafür, unter welchen Zwängen Journalistinnen und Journalisten arbeiten.

00:13:18: Das habe ich ja nicht vergessen.

00:13:19: Und warum es auch notwendig ist, bestimmte Dinge, von denen man selber vielleicht sagt, die muss man aber eindeutig nur so erzählen können.

00:13:26: Warum auch klar ist, dass man sich aus einer journalistischen Perspektive anders erzählen kann.

00:13:29: Das finde ich auch wichtig, dass man sich dieses Rollenbewusstsein erhält, weil es natürlich irgendwann sonst so eine, bei einem Ärger, den man auch mal haben kann, dann natürlich immer auch so eine Engführung gibt nach dem Muster.

00:13:39: Wie können die das das denn jetzt nicht verstehen?

00:13:41: Na ja, weil sie nicht in meiner Kommunikationslogik unterwegs sind, sondern eine andere.

00:13:44: Und mein Job als Politiker ist es dafür zu sorgen, dass sie auch meine Prämissen verstehen und nicht nur, sagen, ich ihnen meine Prämissen aufdrücke.

00:13:52: Hast du dann mal rückblickend gedacht, als Journalist damals habe ich jemandem auch mal echt, hätte ich was anderes gemacht haben sollen?

00:14:01: Ja.

00:14:01: Also ganz deutlich, ja, weil es zum Moment, es fing schon damit an, wir haben Beispielsweise in der Lokalredaktion, wenn man so normal so schreibt, haben wir nie Zitatfreigaben gemacht.

00:14:12: Das machen wir jetzt bei Interviews sozusagen.

00:14:13: im politischen Raum ist das Gang und Gebe, dass man sich das eigentlich freigeben lässt.

00:14:16: Damals war das in der Lokalredaktion, wo ich war nicht üblich.

00:14:20: Und wenn man da zurückblickend denkt, weiß man schon okay, man hat Dinge auch durchaus in der Zusammenfassung eben sozusagen für die Zitate dann.

00:14:27: jetzt nicht verfälscht, aber vielleicht auch konturiert, will ich mal sagen.

00:14:31: Und das macht man, glaube ich, nicht mehr, wenn man selber mal erlebt hat, was es bedeutet, wenn das eigene Zitat konturiert wird.

00:14:39: Ja, wir haben jetzt noch gar nicht gestreift, wie eigentlich dein Einstieg in die Politik war.

00:14:43: Hast du damals dann zu Studienzeiten auch schon hochschulpolitisch gearbeitet?

00:14:47: Nein,

00:14:48: das habe ich nicht, weil ich in der Studienzeitung war, also dann eben in der Campuszeitung, die wir gemacht haben, aus dem Studium heraus, das war richtig ein Lehrprojekt.

00:14:56: Wir haben ein Jahr lang eine Zeitung als Redaktion betrieben, aus dem Studiengang heraus.

00:15:00: Und irgendwie war es schlechterdings nicht denkbar, weil der Aster ja quasi unser Berichterstattungsobjekt war, dann auch noch in die Hochschulpolitik zu gehen.

00:15:07: Und das kam, ich habe in einem Forschungsprojekt angefangen zu arbeiten, noch zu Studienzeiten.

00:15:13: Damals gab es einen großen Sonderforschungszusammenhang über die deutsche Forschungsgemeinschaft, über die Theatermetapher als der Lüseinstrument in der Moderne.

00:15:24: von Erika Fischer-Lichte aus Berlin ausbetrieben.

00:15:28: Und da hatten wir ein Projekt über Theateralität und Argumentativität in der Mediengesellschaft und haben Politikvermittlungsprozesse anhand der Theatermetapher analysiert.

00:15:37: Und das war so Ende der neunziger Jahren und gesagt jetzt will ich aber auch mal erleben, wie das eigentlich praktisch ist.

00:15:42: Und habe dann Praktikum im SPD-Parteivorstand in der Presse Stelle gemacht, in der die gerade umgezogen waren nach Berlin.

00:15:47: Da war gar kein Parteimitglied damals und habe dann da zwei Monate angefangen.

00:15:50: Nach zwei Monaten haben die mir sofort einen Vertrag angeboten, bleibt noch bis zum Parteitag.

00:15:54: Wir brauchen noch jemanden, da bin ich noch im Monat da gewesen.

00:15:57: Und dann hatten sie eine Brau gefunden für eine Stelle, die sie neu geschaffen hatten, die aus der Elternzeit wieder kamen, die aber nur eine halbe Stelle wollte.

00:16:03: Und dann war diese halbe Stelle frei und dann haben sie mir die angeboten.

00:16:07: Da ich das Studium noch gar nicht in der Tasche Diplom habe, habe ich es im nächsten Sommer gemacht.

00:16:11: Aber die Idee, nach Berlin zu gehen, ich wusste schon, ich wollte promovieren, ich wusste auch, ich wollte nicht in der Redaktion und nicht an der Hochschule promovieren, fand ich eine super Idee und bin dann dahin geblieben.

00:16:21: Und hab dann angefangen, für die SPD zu arbeiten, bin es vier Jahre später Parteimitglied geworden und hab sagen, darüber so langsam mich dann dahin einbewegt und irgendwann wurde es daneben immer mehr.

00:16:33: Du hast dich so gar nicht erst, bin da bestimmt Situation politisiert, sondern Ist irgendwie dann über, hier soll man es sagen.

00:16:41: Politisch war ich schon immer.

00:16:42: Die Frage ist halt, was heißt politisiert?

00:16:43: Also lange Zeit wollte ich politisch dadurch wirken, dass ich öffentlich Kommunikation möglich mache und habe auch dann in der Partei ja gearbeitet, als jemand, der politische Vermittlungs- und Kommunikationsprozesse organisiert hat.

00:16:55: Und hatte eigentlich immer gedacht du machst das ein paar Jahre und dann gehst du entweder in Journalismus zurück oder dann war eher hinterher eigentlich durch die Promotion die Idee.

00:17:03: eigentlich will ich lieber irgendwo in einem Bereich wo ich Journalisten Ausbildung an der Uni machen kann.

00:17:08: Ich habe aber unterschätzt, wie hart da auch noch zwischen den verschiedenen gesellschaftlichen Strukturen, die sozusagen Mauern sind, über die man rüber muss.

00:17:16: Damals war das nicht denkbar.

00:17:18: Die Idee, dass man aus einer Parteizentrale zurück an eine Universität in die Journalistenausbildung wechselte, fanden die Institute mit, die ich darüber gesprochen habe, genauso blöd wie Redaktionen.

00:17:26: Die Idee blöd fanden, dass man aus einer Partei zurück in redaktionellen Kontext ging, sodass das dann eher immer sich im politischen Bereich vertieft hat.

00:17:34: Und das Politisieren, war da hat sich insofern verändert in der Art und Weise, wie man politisiert hat.

00:17:39: Und ein Stück weit bin ich jetzt ja wieder als Senator fast aus dieser strategischen Arbeit nach dem Muster.

00:17:43: Ich muss ideologisch wirken raus und sortiere und organisiere ja eher wieder Rahmenbedingungen und Ressourcen.

00:17:50: Schwann, das war hier sehr merkenswert, dass du tatsächlich in einem Sonderforschungsbereich, das richtig verstanden habe, dann gearbeitet hast und das auch noch von Erika Fischer-Lichte, die tatsächlich für die FU Berlin an der Jommalange war, für die Geistwissenschaften unglaublich prägend war.

00:18:05: Und dann sieht man tatsächlich, wie tiefgreifend das war.

00:18:07: Das ist sehr interessant.

00:18:07: Das heißt, du warst so kurz davor, dass du möglicherweise wirklich im wissenschaftlichen Betrieb auch bleibst.

00:18:14: Naja, ich war Mitarbeiter in diesem, das war kein Sonderforschungsbereich, sondern das war, also nicht in einer Uni, sondern das war so ein Zusammenhang, so was Ähnliches auch gesehen, ich weiß nicht, wie die DFG das nennt.

00:18:25: Also es war über ganz Deutschland verteilt, es war ein Forschungsschwerpunkt, den die DFG organisiert hat, der Schwerpunktprogramm, das war der Formulierung.

00:18:31: Genau, weil da waren die Leute aus Koblenz, war Söfner dabei, Satzinelli aus Konstanz Söfner, Satzinelli aus Koblenz und viele andere aus ganz Deutschland.

00:18:41: Und da habe ich ein paar Jahre mitgearbeitet, haben wir auch zwei Bücher geschrieben, sagen die dann damals erschienen sind.

00:18:45: Ich fand das immer spannend und habe noch ganz lange, sagen auch eine wissenschaftliche Zeitung mit rausgegeben, sagen die Zeitschaft für Kommunikationsökologie, die wir gemacht haben und so ein paar andere Sachen.

00:18:55: Und das war aber irgendwann dann klar, dass das eher noch eine Fiktion ist als etwas, was sich realisiert.

00:19:01: Aber wahnsinnig davon profitiert, dass man sich so ein wissenschaftliches Fundament auch gelegt hat und habe auch bis heute kein Problem damit.

00:19:08: Neues Sozialwissenschaftliches Buch zu lesen und Fußnoten machen wir keine Angst.

00:19:14: Wenn wir nochmal diesen Weg nachzeichnen, von Gelsenkirchen über Dortmund nach Berlin, nach Hamburg.

00:19:22: Eine klare Aufstiegsgeschichte finden die Hamburger.

00:19:26: Genau, so ähnlich wollte ich das formulieren.

00:19:28: Das ist schon eine ziemliche Reise, ist geografisch, aber immer auch sozial.

00:19:32: Und meine Frage wäre jetzt, als jemand, der selbst auch mobil war, gibt es Momente, wo du dich fragst, inwieweit eigentlich der Junge aus Gelsenkirchen euch das zu sagen darf noch erkennbar ist in dem Hamburger Senator?

00:19:44: Ich glaube, der ist sehr erkennbar und ich glaube, das Hamburger Bürgertum erkennt ihn auch noch regelmäßig.

00:19:52: Also, ich muss mich manchmal kneifen, weil ich in ganz vielen Situationen hier in Hamburg stecke, von denen ich niemals gedacht hätte, damals wir in der Zeit, dass ich auch nur in ihre Nähe komme.

00:20:03: Gehen wir ein Beispiel?

00:20:05: Mattie Mahl.

00:20:08: Was ist

00:20:08: das eigentlich im Bauraum?

00:20:09: Dass ich mir in meinem Leben einen Smoking besitze und mir irgendwie eine Fliege umbinde, um was zu essen zu bekommen in einem Raum, dessen Decken vierzehn Meter hoch sind, wo Kronenleuchter an der Decke hängen.

00:20:20: schlechter Dings ausgeschlossen.

00:20:21: Also das wäre, wenn wir mal zur Pommesbude gegangen sind, das war irgendwie GNS.

00:20:25: Also das war schon ein bisschen anders und das war auch völlig in Ordnung so.

00:20:28: Da kneife ich mich schon manchmal und ich finde es aber auch wichtig, dass man sich dieses Wundern über manche Dinge durchaus erhält und dass man auch den den Blick so schräg von außen nicht komplett vergisst, weil das auch dabei hilft.

00:20:41: Da fand ich mal sehen, den Job, den ich gerade mache, den mache ich auf Zeit, den mache ich irgendwann auch nicht mehr, dann muss ich auch mich wieder in einem normalen lieben einfiedeln und mal gucken, was dann so kommt.

00:20:49: Das finde ich schon ganz hilfreich, nicht zu glauben, sagen, dass bestimmte Dinge gegeben sind.

00:20:55: Und am Ende des Tages bin ich ja auch aus Gründen sozialdemokrat.

00:20:58: Und dass das Ruhrgebiet mal sehr sozialdemokratisch war, ist zwar momentan bei Wahlen nicht zu erkennen, kulturell aber schon noch.

00:21:04: Und da gibt es dann auch wieder um Ähnlichkeiten, die wir noch hier finden.

00:21:07: Also meine erste Wohnung in Hamburg habe ich in Horn gehabt.

00:21:09: So, das ist dann vielleicht für die, die in der aus Gelsenkirchen kommt.

00:21:12: durchaus auch plausibel.

00:21:13: Das war jetzt interessant.

00:21:14: Woran sieht man, dass das... Wir springen jetzt mal kurz von Hamburg wieder zurück ins Urgebiet.

00:21:18: Du sagst, man erkennt das kulturell noch, dass das durchaus sozialdemokratisch geprägt ist.

00:21:23: Woran?

00:21:24: Ja, ich glaube schon, das hat was zu tun mit einer Verständnis von Solidarität, was in der Gesellschaft noch ist.

00:21:30: Also, ich finde ein paar Sachen, das wird gerade schwieriger, aber nehmen wir mal so diese momentan häufig so verkniffend diskutierten Themen Migration, Integration sozusagen Zusammenleben im kultureller Vielfalt.

00:21:43: Wenn man mit den Leuten, die früher in der Montanindustrie gearbeitet hat, sich unterhält, stellt man ziemlich deutlich fest, dass die Frage, wo die Leute herkamen, völlig egal waren, solange sie ordentliche Kumpel im Wortsinne wieder unter Tage oder am Hochofen gewesen sind.

00:21:56: Das ging schon deutlich.

00:21:58: bruchlose, einfach was so eine Integration über Arbeit möglich war.

00:22:01: Und auch wenn Arbeit momentan im Ruhrgebiet ja etwas ist, was durch den Strukturwandel einer anderen Charakter bekommen hat, ist diese Diese kulturelle Tradition von einem bestimmten sich anerkennen, über etwas miteinander machen, schon noch da und auch so eine Offenheit und eine Direktheit in der Ansprache, die du dann auch brauchst.

00:22:17: Also, da wird nicht lange drum herum geredet, sondern da wird jemandem gesagt, du bist in Ordnung oder du bist nicht in Ordnung, wenn du nicht in Ordnung bist, wird halt so lange drüber geredet, bis du entweder auch in Ordnung bist oder man getrennter Wege geht.

00:22:28: Finde ich, ist heute noch da, wird aber unter dem ökonomischen Druck natürlich schwieriger.

00:22:33: Das merkt man der Gesellschaft da schon auch an.

00:22:34: Und die Unsicherheit, wie es eigentlich weitergeht, spielt da schon auch eine Rolle.

00:22:38: Aber so ein Bewusstsein dafür, dass man sich gerade machen muss, weil alle so von schräg oben auf einen herabgucken.

00:22:45: Ich meine, das ist die Region.

00:22:48: Da hieß es bis in die sechziger Jahre, nein, wir brauchen hier keine Universitäten.

00:22:52: Das war Johannes Rau, der die Unis damals gegründet hat.

00:22:54: Die Uni Dortmund ist am Stadtrand.

00:22:57: Obwohl sie ursprünglich in der Stadt Mitte geplant war, ähnlich wie die Uni Hamburg, als auch eine späte Gründung, aber dann fingen ja so, äh, sechziger Jahre an, die Studierenden komisch zu werden, aus der sich dagegen die politische Entscheidung getroffen hat und gesagt hat, ganz schnell gesagt, machen wir das mal nicht in der Innenstadt wie in Essen, wo man den ganzen Stadtherblatt gemacht hat, sondern bringen wir die mal so ein bisschen an Rand aufs Feld, damit die uns nicht stören und jetzt nicht irgendwie auf dem Rathausmarkt demonstrieren für irgendwie mehr Demokratie.

00:23:20: Das wollte man dann auch nicht haben.

00:23:22: Also da ist schon viel Veränderung und Kaserne durften das im Ruhrgebiet ja auch früher nicht geben, sondern arbeiten.

00:23:27: Und das steckt schon über hunderthundertfünfzig Jahre dieser Region ziemlich drin.

00:23:33: Ja genau, jetzt hast du gerade angespielt auf die Sechziger und was studentisch passiert ist, da gibt es ja an der Uni Hamburg auch einen ikonischen Moment tatsächlich unter den Talanen der Muft von tausend Jahren, wo es jetzt auch eine schöne Gedenktafe gibt am Audimax.

00:23:47: Du hast das wahrgenommen, vermutlich.

00:23:48: Ich habe das wahrgenommen, dass mein Nicht-Anwesen-Sein von der süddeutschen Zeitung als irgendwie verwundert wahrgenommen wurde, wie die Winkler schrieb, dass der Kultursenator nicht da war, es war zu keinem Zapf und vorgesehen, dass ich da war, um das als Klammer zu nehmen.

00:24:00: Aber ich habe mich sehr gefreut, weil einer der beiden ... Die dieses Banner, also erstens beide Sozialdemokraten später, einer bremischer Landesvorsitzenden und der andere langjähriger Staatsrat der Kulturbehörde.

00:24:11: Also insofern ist das durchaus jemand, der uns hinter Wilmar auch heute noch an vielen Stellen im kulturellen Leben begegnet und einer von denen die mir ganz viel mit Rat auch in den letzten Jahren immer zur Seite gestanden haben, weil das wirklich so Urgestein hamburgischer Kulturpolitik ist, Hinag.

00:24:26: Also, wann immer ich mal einen Rat brauche, der auch ein bisschen weiter zurückreicht in so tiefere Sedimente der Hamburger Kultur.

00:24:34: ist Hinnack einfach jemand, auf den ich gerne zurückgehe.

00:24:36: Ja,

00:24:36: das ist genau.

00:24:37: Bein, Dr.

00:24:37: Mensch, Herr Belmer.

00:24:39: Genau, vermutlich, das tut mir leid, dass du da von der SZ angezählt wurdest, die Schuldlicht dann bei uns, weil wir dich gar nicht eingeladen hatten.

00:24:45: Ich, bei Peter Hess hatte mich schon eingeladen, aber ich hatte einen anderen Termin.

00:24:48: Das ist alles okay, das ist alles gut.

00:24:52: Gut, aber dann sind wir nochmal bei deinem aktuellen Amt und den schwierigen Zeiten.

00:24:56: Du hast kürzlich gesagt, der Gürtel für die Kultur wird enger.

00:25:00: Das ging ja nach Verzicht, nach Rückzug.

00:25:03: Wie bleibst du als Kultursenator optimistisch oder für dich, glaube ich, zuversichtlich an wichtiges Konzept?

00:25:09: Wie bleibst du zuversichtlich, wenn du weißt, dass du jetzt öfter mal Nein als Ja sagen musst?

00:25:15: Nein, das musst du immer.

00:25:16: Also, in der Kultur gibt es immer mehr Ideen als Ressourcen.

00:25:20: Und ehrlicherweise, als mich damals Olaf Scholz gefragt hat, ob ich Kultursenator werden will, ich bin ja nicht davon ausgegangen.

00:25:25: Darf man nicht vergessen, ich war Staatsrat in der Kulturbehörde.

00:25:29: Barbara Kisler war Senatoren, ist dann gestorben.

00:25:32: Und es gab immer zwei Ehren, Gesetze bei Olaf Scholz.

00:25:35: Ersten, Staatsräte werden nicht Senatoren.

00:25:37: Und zweitens, die Parität im Senat muss gewahrt bleiben.

00:25:40: Insofern war für mich völlig klar, ich helfe dabei, neue Kultur-Szenatoren zu finden.

00:25:44: Bis er mich fragte, ob ich das machen will.

00:25:47: Und eigentlich hatte er nur eine Qualifikationsfrage.

00:25:49: Die Qualifikationsfrage war, kann es zu Nein sagen.

00:25:52: Als ich dann ja gesagt habe, hat er mich gefragt, ob ich das machen möchte.

00:25:59: Echt immer eine Frage, ob es um was ausgekommen wäre, wenn ich ihn eingesagt hätte.

00:26:02: Und insofern, das kenne ich schon, weil es gibt immer mehr Ideen im kulturellen Feld, als wir Mittel zur Verfügung haben.

00:26:07: Es wird jetzt noch mal tatsächlich eine Spur schwieriger, weil wir in einer langen Rezession, in der wir uns ja mittlerweile gesellschaftlich befinden, dadurch auch steigenden, sagen, Sozialausgaben, die wir haben, auf dieses Rechtsanspruch hier gibt.

00:26:18: in der Situation auch in Hamburg ankommen, die es an vielen anderen Stellen schon viel länger gibt, von der ich aber hoffe, dass wir sie einfach gemeinsam besser miteinander hinbekommen, weil wir da mit offenen Visier und anders reinsteuern werden, auch gemeinsam, und das dann auch, glaube ich, hinbekommen.

00:26:31: Und meine Erfahrung ist, naja, es bloch hat das mal so schön zusammengefasst, ganz am Anfang in seinem Prinzip Hoffnung, wenn wir aufhören zu hoffen, kommt das, was wir fürchten, bestimmt.

00:26:42: Und das gibt es manchmal so, dass man sich die Vorstellungskraft abtrainiert, dass es anders gehen könnte, als man es momentan macht.

00:26:48: Und dann haben wir verloren.

00:26:50: Und der große Vorteil ist, wenn du in einem künstlerischen kulturellen Feld unterwegs bist, du bist permanent von Menschen umgeben, die Dinge anders denken und anders spielen, als sie sind.

00:26:57: Weil sonst entsteht kein Theaterstück, keine Literatur, keine, sagen, bildende Kunst, die hat jemand was damit zu tun, Welt zu bearbeiten und etwas in die Welt zu bringen, was nicht da ist.

00:27:05: Und insofern ist man permanent konfrontiert damit, dass die Dinge veränderbar sind und dass sie auch zum Besseren veränderbar sind.

00:27:11: Und insofern lädt mich schon das Feld, um dass ich mich kümmern darf, immer wieder mit der Gewissheit auf, dass das gut gehen wird.

00:27:17: Das ist in der Wissenschaft durchaus so ähnlich.

00:27:19: Das müssen da auch die Dinge immer wieder neu imaginieren, sonst wäre die Wissenschaft da irgendwie auch zu Ende und Fragen stellen, wie es auch weitergehen kann.

00:27:27: Wie guckst du als Kultursenator auf die Wissenschaftszene Hamburg?

00:27:31: Ich finde beeindruckend, was in den letzten Jahren gelungen ist.

00:27:34: Also eine Stadt, die ja eigentlich bei Jahrzehnten hinweg auch eher als Wissenschaftsferden so spät berufen und die Uni erst nineteen, ne?

00:27:41: Also da sind ja so viele Geschichten noch über die Stadt, die sagen, der Rohgebietgeschichte gar nicht so unehnlich sind.

00:27:47: Hier waren es halt die Söhne, die früher ins Kontor nach England geschickt wurden, die bloß nicht durch eine Uni abgelenkt werden und auf blöde Gedanken kommen sollten.

00:27:54: Da hat sich wahnsinnig viel getan in den letzten Jahren.

00:27:57: Und was ich hoffe, ist, das ist aber nicht nur ein Thema, für Hamburg, sondern ganz generell, ich finde, wir haben beeindruckendes geschafft in den letzten Jahren und Jahrzehnten, was so ein Anerkennnis und noch was weiterentwickeln angeht, gerade im Bereich der technischen und naturwissenschaftlichen Fächer, haben auch einen großen Stellenwert immer darauf gelegt und Schwerpunkt darauf gelegt, als Gesamtgesellschaft, nach dem Muster, das ist das, wo die Zukunft sich entscheidet, was, glaube ich, mit Blick auf die eine Frage durchaus auch richtig ist.

00:28:23: Auch weil die Sozialwissenschaften sich einen sehr stark, ich sag mal, kulturkritisch bis kulturpessimistischen Blick auf die Dinge zugelegt haben.

00:28:31: Das, was du gerade im Beschrieben hast, diese positive Imaginationskraft, die aber natürlich auch in was Kultur und Geistes und Sozialwissenschaftlichen steckt, die noch mal wieder stärker nach vorne zu holen, finde ich faszinierend.

00:28:42: Ich durfte vor einem Jahr eine Gedenkveranstaltung moderieren im Rathaus zu einem Vorvorgänger von dir, Ernst Casira.

00:28:50: Ja.

00:28:51: Im ersten jüdischen Rektor der Uni in Hamburg.

00:28:54: Und der hat ... ... im buch geschrieben, in dem er sich angeguckt hat, warum eigentlich die Nazis an die Macht gekommen sind.

00:29:01: Der Mythos des Staates, kurz danach ist er gestorben.

00:29:04: Und er beschreibt darin, dass ... ... etwas in den zwanziger und dreißiger Jahren nicht gelungen wäre, was aber essenziell sein, nämlich ... ... eine kulturelle ... Vorstellung und Erzählung von der Demokratie in die Köpfe zu bringen, die diese archaischen Vorstellungen des Gegeneinanders in Gesellschaft, sagen wir nennen das, das ist diese archaischen Mythen, die zivilisatorisch durch eine kulturelle Erzählung zu überformen.

00:29:28: Das sei nicht gelungen.

00:29:29: Deswegen sei dieses nationalsozialistische wieder diese archaischen Vorstellungen von die Stärkeren setzen sich durch und so was, so einen Quatsch dann irgendwie hochzuholen, möglich gewesen, weil es nichts Zivilisatorisches dagegen gab.

00:29:41: Diese Dimension ist eine geistes- und sozialwissenschaftliche Dimension.

00:29:46: Und die müssen wir auch bedienen.

00:29:47: Die ist genauso wichtig wie die naturwissenschaftlich-technische Dimension.

00:29:51: Und das rutscht uns nicht an den Universitäten, aber in der gesellschaftlichen Rezeption dessen, was Universitäten können und was Wissenschaft kann, manchmal durch.

00:29:59: Und da hoffe ich sehr, dass wir sehen, dass da auch eine Kraft liegt, die wir ganz dringend auch brauchen, nicht anstelle, sondern zusätzlich zu der anderen Kraft.

00:30:07: weil wir auf beiden Dimensionen momentan sowohl technische Fertigkeiten als auch gesellschaftliche und kulturelle Herausforderung eine ganze Menge zu leisten haben.

00:30:14: Und ich freue mich über Universitäten, die sich mit reinwerfen und die sich dann auch zutrauen, zu sagen, wir haben eine Idee, wie es besser geht, weil die brauchen wir auch ganz

00:30:23: dringend.

00:30:24: Das tuen wir mit Worf, weil tatsächlich viele der großen gesellschaftlichen Fragen bei uns sehr interdisziplinär bearbeitet werden.

00:30:31: Gerade auch Fragen, zum Beispiel, wie bewältigen wir eigentlich den Klimawandel?

00:30:34: Bist du genau auch bei dem Thema, was du gerade schon genannt hast, das bei uns eben nicht nur ein mathematisch-naturwissenschaftlich technisches Thema ist.

00:30:42: auch,

00:30:43: aber eben ganz stark eine Frage auch der Sozialwissenschaften und Geistwissenschaften.

00:30:46: Wie kriegen wir das eigentlich den Wandel bewältigt, um mal ein Beispiel zu nennen?

00:30:51: Ich habe mich damals mal, ich durfte mal den Vortrag halten bei der, bei einer Jübilemsveranstaltung der Deutschen Gesellschaftspublicistik und Kommunikationswissenschaften.

00:30:58: Ich habe damals eine Menge Ärger gekriegt, weil die Kommunikationswissenschaftler ja auch so eine Phase hatten, wo sie vor allem gesagt haben, sie müssen jetzt belegen, dass sie in der Sozialwissenschaft sind und deswegen immer nur empirisch gearbeitet haben, nochmal ausgezählt und noch eine empirische Studie.

00:31:11: Und ich sehr geprägt von meinen alten Professoren aus Dortmund eigentlich der Meinung bin, dass so eine Anwendungsorientierung wie beispielsweise in der Medizin oder in der Ingenieurswissenschaftler, Kommunikationswissenschaftler, Demokratie auch gar nicht schlecht zu Gesicht steht.

00:31:24: Ich habe das damals versucht, ins Beispiel zu packen.

00:31:26: Wenn ein Flugzeug abstürzt, dann macht ein Ingenieurswissenschaftler nicht nur den Report, warum es abgestürzt ist, sondern gleichzeitig auch die Studie, wie man ein Flugzeug baut, das in der Luft bleibt.

00:31:37: Und diesen zweiten Moment, den wünsche ich mir manchmal noch stärker, auch in den Programmatiken der Sozial- und Geisteswissenschaften, eben auch das darüber nachdenken, wie gelingt es denn?

00:31:46: Und nicht nur, wir haben euch mal erklärt, warum es schief gegangen ist, den Rest macht ihr dann schon.

00:31:49: So, das ist eine falsch verstandene Interpretation dieser Marx-Weberischen Werturteilsfreiheit.

00:31:56: Die heißt ja nicht, dass ich keinen Werturteil haben darf.

00:31:58: Es geht ja nur darum, dass ich sichtbar mache, wenn ich einen Werturteil spreche und nicht nur Empirie referiere.

00:32:03: Aber davon könnten wir schon eine ganze Menge auch in diesen explorativen Zusammenhängen und in diesen spekulativen und Labor-Sagen zusammenhängen, durchaus auch mal mit Blick auf Gesellschaft ausprobieren.

00:32:12: Da geht, glaube ich, einiges.

00:32:15: Wie schön.

00:32:15: Wir kommen zum Schluss und ich hätte noch anderthalb Fragen an dich, die so sehr reflexiv nochmal

00:32:23: sind.

00:32:23: Die erste wäre, wenn wir mal annehmen, du könntest die physikalischen Grundsätze, über die wir jetzt gerade auch schon gesprochen haben, außer Kraft setzen.

00:32:30: Und dem jungen Studi-Kasten auf dem Weg von Hilsen-Gelchen hat Dortmund heute noch mal was zu rufen.

00:32:37: Was wäre das?

00:32:39: Kümmer dich mehr ums Internet.

00:32:43: Das fing damals ganz langsam an und ich war der festen Überzeugung, ach, ich werde Zeitungssjournalist.

00:32:49: Das war wirklich das, was ich werden wollte.

00:32:50: Ich nehme Block und Stift und der Rest ergibt sich.

00:32:54: Deutlich zu kurz gesprochen habe ich da ein paar Jahre später gemerkt, es wäre gut gewesen, wenn ich das ein bisschen früher begriffen hätte.

00:33:00: Cool.

00:33:01: Und dann noch eine Frage, die hast du vorhin schon mal angerissen.

00:33:05: Worüber würde sich der zwanzigjährige Karsten am meisten wundern, wenn er jetzt deinen heutigen Weg sehe.

00:33:11: und worer wäre, vielleicht so leise, stolz?

00:33:16: Ich glaube, er würde sich wahnsinnig wundern, der zwanzigjährige Karsten, dass der heutige Karsten Politiker ist.

00:33:23: Weil das war damals nicht der Plan.

00:33:25: Und ganz weil ich war zwar Schülersprecher, irgendwie ein Bezirksschülersprecher, sowas dann gemacht, da war es dann auch bewusst verworfen, gesagt nicht, ich mache jetzt Journalismus.

00:33:33: Und dass das noch mal zurückgeht, hätte ich verausgeschlossen gehalten.

00:33:35: Dass das dann noch in Hamburg dazukommt und nicht dann noch in Gelsenkirchen, ist noch mal oben drauf.

00:33:40: Aber ich glaube schon, das Kategorieale ist, ich hätte niemals gedacht, dass ich Politiker werde.

00:33:46: Was für schöne Schlusswort.

00:33:48: Vielen Dank, dass du heute hier bist bei Campus Legeln.

00:33:50: Danke, Kassen.

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